Manchmal sieht frau beim nachhaltig investieren den Baum vor lauter Wald nicht

Nachhaltig investieren: Wie fange ich das an? #1 Grundsätzliche Gedanken

3. Sep 2018

Nachhaltig investieren tut Umwelt und Gesellschaft gut, sagen die Einen.
Nachhaltig investieren ist ein Modethema und Unfug, sagen Andere.
Und dann sind noch die, die sagen, nachhaltig investieren bringt Rendite.
Da frage ich: Ja was denn nun?!

Nachhaltig zu leben lässt sich persönlich schon gut umsetzen. Zum Beispiel durch weniger Konsum, meiden von Einweg- und Plastikverpackungen, regionale Lebensmittel, wenig bis kein Fleisch oder tierische Lebensmittel essen. Außerdem Fahrrad fahren statt Auto, kaum fliegen, reparieren statt neu kaufen. Da fällt einem sofort viel Sinnvolles ein.

Wer zu so einer nachhaltigen Lebensweise auch nachhaltig investieren will, merkt aber schnell: Das wird kompliziert!

Müssig. Zeitraubend. Unklar.

Schon vor mehr als 10 Jahren habe ich mich beruflich mit ethischen Geldanlagen beschäftigt. Auch damals war es wie heute. Beim Einlesen ins Thema “nachhaltig investieren” stellt frau schnell fest: Es wird oft aneinander vorbeigeredet.

Die Begrifflichkeiten sind nicht definiert. Es gibt keine gesetzlichen Vorgaben. Deshalb definiert jeder seine Kriterien nach eigenem Gusto. Unternehmen können sich das Label “nachhaltig” oder “grün” geben, wie es ihnen passt. Und Windparks dürfen sich als ökologische, nachhaltige Vorreiter bezeichnen.

Das erschwert die Einordnung und macht nachhaltige Investments müssig. Und für private Geldanleger’innen schwer praktikabel, wenn Frau es richtig machen will und die Geldanlage ernst nimmt.

Natürlich geht es auch husch husch. Dann aber kann es riskant und teuer werden. Bis hin zum Totalverlust, weil nachhaltiges Investieren immer noch eine Nische ist und Betrug und der Graue Kapitalmarkt blühen.

Als “nachhaltig, ethisch und sinnstiftend” angepriesene Geldanlagen entpuppen sich in der Realität oft als teuer oder hoch riskante, unternehmerische Beteiligungen.

Wie bei Prokon, dem Windpark-Errichter in Itzehoe, Schleswig-Holstein.

Negativbeispiel Windparkbauer Prokon

6-8 % Rendite – soviel sollte das Investment in Windparks Anleger’innen im Jahr einbringen. Geld verdient mit grüner Wind-Energie und gutem Gewissen.

Prokon warb dafür in Flyern, Postwurfsendungen, Plakaten. Selbst in den Hamburger U-Bahnen wurden Werbeanzeigen geklebt. Alle emotional und ideologisch aufgeladen mit Locksprüchen wie “Es ist Zeit, etwas zu verändern …”

So emotional warb Prokon in Hamburg, um Anleger anzulocken die nachhaltig investieren wollten

Oder: “Lust auf eine lebenswerte Zukunft”. “Rentabel, flexibel, einfach”. Oder: “faire Kapitalanlage ab 100 €”. Wer will das nicht?

Verbraucherzentralen warnten früh: Prokon werbe mit nicht belegten, unseriösen Aussagen. Das Geschäftsmodell berge hohe Risiken. Journalisten berichteten. Dennoch kauften etwa 75.000 Anleger’innen Anteile an Prokon. Es waren Genussrechte. Mit diesen wurden sie zu Mit-Unternehmer’innen.

Emotion statt Hinterfragen des Geschäftsmodells und der finanziellen Folgen dieses Investments.

Wie es endete ist bekannt: Prokon ging in die Insolvenz. Tausende Anleger’innen verloren viel Geld, teilweise ihre Altersvorsorge. Prokon wurde abgemahnt, angeklagt, die Staatsanwaltschaft ermittelte, der Geschäftsführer aber nicht verurteilt.

Nachhaltig investieren – ideell nicht mit Ideologie verwechseln

Bei Prokon wurde bewusst mit dem Wunsch von Menschen gespielt, beim Geldanlagen kein Arsch zu sein. Sondern Umwelt, Mensch und Kreatur zu schützen und das Gemeinwohl zu fördern.

Das Anliegen, mit der Geldanlage die Gemeinschaft weiter zu bringen, macht angreifbar. Weil es ein emotionales Anliegen ist. Das nutzen Betrüger und Trickser aus. Seien Sie also wachsam, wenn Sie Ihr Geld nachhaltig, ethisch und ökologisch anlegen möchten.

Mögliche nachhaltige, ethische Geldanlagen

Nachhaltig können folgende Anlageklassen sein:

  • Aktien
  • aktiv gemanagte Aktienfonds
  • ETFs
  • Lebensversicherungen
  • Unternehmensbeteiligungen
  • Genossenschaftsanteile

Nachhaltig investieren lässt sich grundlegend über 2 Herangehensweisen.

2 grundsätzliche Denkweisen

Das sind die Fragen nach dem “Wie” und “Worin”.

  • WIE arbeitet ein Unternehmen?
    Das ist die Frage nach der Unternehmenskultur und seiner Sozial- und Umweltverträglichkeit – beispielsweise der Umgang mit Mitarbeitern, keine Kinderarbeit, Beachten einer Frauenquote, Achten von Gesetzen und Ächten von Korruption, (Corporate Governance), Umweltstandards, Rücksichtnahme auf Lokales, Schutz von Tieren, kein Waffenhandel etc., nachzulesen unter anderem in freiwilligen Nachhaltigkeitsberichten
  • WORIN besteht die Dienstleistung, das nachhaltige Produkt?
    Das ist die Frage nach der Branche wie Windparks, Erneuerbare Energien-Anbieter, Ökostrom-Hersteller, Waldeigner, Holzplantagenbetreiber, Bio-Bauern, Hersteller veganer Lebensmittel etc.

Über nachhaltiges Investieren wurden Doktorarbeiten geschrieben. Es gibt Studiengänge für Vermögensmanager, Bücher, Stiftungen, NGOs, Vereine, Institute – nicht immer sind alle transparent hinsichtlich ihrer Geldgeber.

 


Anleitung zum nachhaltigen Investieren

Wer diese Geldanlage pragmatisch angehen will, nimmt Stift und Papier und beantwortet folgende Fragen für sich. Das schafft Klarheit und Klarheit ist eine der Voraussetzungen für eine langfristig passende Geldanlage.

Klären Sie diese Fragen:

1. Was bedeutet für mich nachhaltig investieren oder ethisch investieren? Worauf lege ich Wert, welche Überzeugungen leiten mich?
Dass die Umwelt geschont wird, Mitarbeiter gut behandelt werden, das Management sich an Regeln hält (Corporate Governance), Chancengleichheit der Geschlechter, etc.

Bei dieser Frage können Sie sich an den ESG Kriterien orientieren. ESG steht für: Environmental, Social, Governance. Also: Umwelt, Soziales, Unternehmensführung. Es ist aber nicht so, dass sich diese Kriterien einfach so hernehmen und abhaken lassen. Sie sind weit gefasst, Auslegungssache und aus Sicht von Unternehmen aufgestellt. Nicht aus Sicht des Gemeinwohls oder der globalen Verantwortung.

Beispiel ESG-Kriterien (klicken zum Vergrößern):

2. Was bezwecke ich mit einer nachhaltig-ethischen Anlage? Was will ich erreichen? (Motiv und Ziel)
Will ich die Welt verändern? Rendite erwirtschaften, ein gutes Gewissen haben, anderen nicht schaden? Will ich von meinen Anlagen leben – jetzt oder im Alter?
Seien Sie hier ehrlich zu sich, sonst ergeht es Ihnen im Zweifel wie den Prokon-Geprellten.

3. Wo wäre ich kompromissbereit?
Gar nicht? Hm, dann wird es eng beim nachhaltigen Investieren. Denn unsere Wirtschaft ist global eng miteinander verflochten. Kein Unternehmen arbeitet 100% ethisch/nachhaltig. Weil es in einem Netzwerk anderer Firmen existiert und auf diese zurückgreift. Das Nähgarn für einen fairen Textilhersteller? Ist das aus Bio-Baumwolle? Gepflückt und verarbeitet unter menschenwürdigen Verhältnissen?

Das nachzuprüfen ist in unserer kleinarbeitsteiligen Welt unmöglich. Zumindest extrem zeitaufwändig.

Deshalb: Überlegen Sie, wo sie kompromissbereit sind: Wenn das Unternehmen keine Frauenquote hat. Oder ein vorbildlicher Flugzeughersteller doch Militärtransporter herstellt. Und ein nachhaltiger Fonds Bankaktien enthält. Wo ziehen Sie die Grenze?

… und weiter:

4. Welche Kosten und Risiken bin ich bereit zu tragen?
Nachhaltige, ethische aktiv gemanagte Aktien- oder Anleihefonds sind teuer. Denn dort analysieren Menschen, was in den Fonds dar und was nicht. Es gibt Berater’innengremien und Beiräte. Dieser Aufwand kostet.

Rechnen Sie also vorher durch. Gebühren und Verwaltungskosten zehren am Erfolg der Geldanlage. Dabei sind sie mit das Einzige, was wir beeinflussen können bei unserer Geldanlage.
Auch das Risiko ist höher. Mit nachhaltigen Investments werden viele Geldanlagen und Unternehmen ausgeschlossen. Das erhöht das Risiko für Verluste, weil es Möglichkeiten verengt.

Ganz schön viel. Aber Kopf in den Sand war gestern 🙂 Weiter geht’s!

5. Welche Anlageprodukte oder Anlageklassen treffen meine nachhaltigen, ethischen Ansprüche?
Hier fließen Ihre Überlegungen zusammen. Anspruch und Wirklichkeit treffen sich. Sie werden sehen, dass Sie zu Kompromissen gezwungen sind. Ohne wird es nicht gehen. Das macht ein Investment, das Sie als ethisch oder nachhaltig ansehen, aber deswegen nicht schlecht.


Seien Sie skeptisch gegenüber dem Zeitgeist

Ich weiß, das ist nicht leicht. Und ich habe dafür auch kein Patentrezept.

Aber der Zeitgeist hat uns zum Beispiel auch die Finanzkrise mit eingebrockt. Der Zeitgeist des “Verkaufens und Verbriefens von Krediten”.

Banken vergaben massig Kredite, auch an Menschen, die sie sehr wahrscheinlich nicht zurückzahlen konnten. Sie schnürten tausende dieser Kredite zu “Päckchen” und verkauften Einzelteile davon vor allem an Banken weiter. Diese nahmen die Päckchenteile und packten daraus neue Pakete. Umverpackt und neu etikettiert wurden sie wieder verkauft. An Banken. Alle glaubten, sie verteilten damit das Verlustrisiko aus den Krediten. Sie verteilten es nicht. Sie potenzierten es.

Ja, sowas machen Banken. Immer noch. Schon wieder. Und bewegen damit Tausende Milliarden weltweit.

Wägen Sie ab. Nachhaltig investieren erfordert mehr Wissen und benötigt mehr Information als wir beim Anlegen ohnehin brauchen. Wenn Sie sich diese Mühe machen, werden Sie zu einer klaren Entscheidung finden. Vielleicht sieht die anders aus, als Sie gedacht haben. Sie können dann aber auch rundweg und langfristig dazu stehen.

Halten Sie Gefühle, Ideologie, Wunschdenken und den Zeitgeist aus der Geldanlage heraus. Immer! Sie alle sind miserable Wegweiser beim Geld.

 

Sie wollen jetzt gleich etwas tun und nachhaltig mit Ihrem Geld umgehen?

Dann wechseln Sie die Bank! Ihr Geld auf dem Giro- oder Tagesgeldkonto liegt ja nicht im Tresor. Die Bank arbeitet damit.

Wissen Sie, wie und wo die Bank Ihr Geld anlegt, was sie damit anstellt?

Ob sie Nahrungsmittelspekulationen betreibt, Waffengeschäfte finanziert. Wie sie mit ihren Mitarbeiter’innen umgeht?  Wie rechtschaffen das Bank-Geschäftsmodell ingesamt ausgerichtet ist? An welchen Firmen die Bank beteiligt ist? Hat sie beispielsweise Töchter auf den Steuerparadiesen Marshall und Cayman Inseln?

Damit fängt das Denken in Kategorien “nachhaltig investieren” bereits an.

Beispiel: Deutsche Bank. Bei ihr ein Konto zu haben und gleichzeitig Geld nachhaltig anlegen zu wollen, widerspricht sich.

Welcher Bank vertrauen Sie?

Die Deutsche Bank ist in alle Betrügereien der Finanzindustrie der vergangenen 20 Jahre verwickelt, teils in führender Rolle. Siehe LIBOR-Skandal, CumEx-Geschäfte, Steuerbetrug beim Handel mit CO2-Emissionszertifikaten. Sie hat 2017 fast 2 Mrd. Euro für Rechtsstreitigkeiten zurückgestellt und seit 2003 insgesamt rd. 12,5 Milliarden UD-Dollar an Strafen gezahlt. Die Bank spekuliert mit Nahrungsmitteln, Währungen, Kreditpaketen. Wolfang Hetzer setzt sie mit der Mafia gleich.

Was ist mit Ihrer Bank? 🙂

Ökologisch, nachhaltig arbeiten die GLS Bank, die Triodos Bank, die Ethik Bank und die Umweltbank. Die Verbraucherzentrale hat dafür einen ausführlichen Marktcheck nachhaltiger Banken ausgearbeitet.

 

Hören Sie rein – der Finanztalk über Sinn und Unsinn

Anfang August haben wir im FinanzTalk der Vermögensakademie über “Sinn und Unsinn ethischer Geldanlagen” diskutiert.

Wir, das waren dieses Mal Anette Weiß von geld.wert, Luis Pazos von nurbaresistwahres, und ich, die Geldfrau. Es ist ein spannendes Gespräch geworden.

 

Serie: Nachhaltig Investieren #2 Aktien

Im 2. Teil meiner Serie zum nachhaltigen Investieren geht es um Aktien. Und den Fragen: Wie finde ich nachhaltige Unternehmen? Ist das überhaupt sinnvoll, nach diesem Kriterium in ein Unternehmen zu investieren?

Als Gesprächspartner konnte ich Christian Röhl gewinnen. Er ist Kapitalmarktstrage, Investor, Buchautor und Betreiber von Dividendenadel.de. Christian verwaltet sein Vermögen selbst und hält Aktien von mehr als 100 Unternehmen. Er hat eine sehr klare Meinung zu nachhaltigen Investments. Eine unbequeme.

#2 Aktien: Wie finde ich nachhaltige Unternehmen?

 

Weiter Lesen und Hören

+ Nachhaltig Leben: 11 Dinge, die du sofort tun kannst
+ Verbände und Vereine, die sich mit Nachhaltigkeit beschäftigen
+ von Unternehmen entwickelte Umwelt- und Sozialstandards
+ Krötenwanderung – wechseln Sie zu einer alternativen Bank
+ Geld bewegt – Angebot der Verbraucherzentralen zum Thema nachhaltig investieren

 

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Das sagen Sie dazu

Ben
0

Habe “Frauenquote” gelesen und war raus. Hört bitte auf damit. Wer gut ist braucht keine Quote.

    Geldfrau
    0

    Ganz klar: Nein.
    Jeder, der sich unideologisch mit den Realitäten beschäftigt, die Augen offen hält und wissenschaftliche Studien nicht ignoriert weiß, dass gerade nicht in erster Linie Leistung und Können zählen, um Führungskraft zu werden. Sondern Geschlecht, Herkunft, Stereotype, Ähnlichkeit der Interessen, Seilschaften, politische Netzwerke, Gefälligkeiten, Eitelkeiten … die Leistung kommt ziemlich zum Schluss bzw. spielt bei einigen bisweilen gar keine Rolle.


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