Klar und kontrovers: Nachhaltig Geld anlegen in ETF ist etwas für Fortgeschrittene

Nachhaltig Geld anlegen in ETFs – Zukunft oder Modethema? #4

23. Apr 2019

Beim Beschäftigen mit Geldanlagen, die das Label ’nachhaltig Geld anlegen‘ tragen, auch nachhaltige ETF, schwirrt mir immer ein Lied durch den Kopf. Nämlich dieses hier:

MFG, mit freundlichen Grüßen … ♬ von den Fantastischen Vier, veröffentlicht 1999.

1999 gab es in Deutschland noch keine ETF. Und auch keine SEG-Kriterien für nachhaltige Geldanlagen. Sonst hätten die Fantas sie sicher in ihrem Rap verewigt. ETF, SEG, KIID …

Als Abschluss meiner 3-teiligen Serie zum nachhaltigen Investieren habe ich mit zwei Experten gesprochen. Zum einen mit ETF-Kenner und Bestseller-Autor Gerd Kommer, zum anderen mit der Ex-Bundesbankerin Claudia Müller. Müller berät Frauen bei der nachhaltigen Geldanlage.

Interview mit Gerd Kommer:
Nachhaltige ETF sind Modethema

Sind nachhaltige ETF die Zukunft der Geldanlage? Oder sind sie Modethema, auf das Banken und Vermögensverwalter aufspringen, weil es gerade schick ist. Und sich mit dem Verkauf des „guten Gewissens“ einiges Geld verdienen lässt? Wäre ja nicht das erste Mal.

Unter anderem darüber habe ich mit Gerd Kommer gesprochen. Er ist Vermögensverwalter und Autor mehrerer Bücher zum Investieren in ETFs. Das Interview entstand im Mai 2018.

Wir haben über Grenzen des nachhaltigen Investierens gesprochen, über Abgrenzungsprobleme, leidensfähige Anleger’innen, warum Konsum womöglich mehr bringt als ethisches Investieren und dass Gerd Kommer großzügig spendet statt in nachhaltige ETFs zu investieren.

Eingangsfrage: Nachhaltige ETF – Modethema oder Zukunft?

Gerd Kommer im Interview mit der Geldfrau

Minuten-Codes
4:15 – SEG-Kriterien beim MSCI-World-Index
7:10 – Das würde sich Kommer bei einem nachhaltigen ETF ansehen
8:16 – Grenzen nachhaltigen Investierens
10:00 – Besser nachhaltige ETFs als StockPicking
16:18 – Kommer spendet statt nachhaltig zu investieren
20:30 – Sektoreninvestments? Keine gute Idee
24:40 – Was Renditen mit Bergsteigen zu tun hat

Von Gerd Kommer erwähnte Studie: Elroy Dimson, Paul Marsh, Mike Staunton: Long-Run Global Capital Market Returns and Risk Premia, 2002 / Triumph of optimistics, 2002

 

Interview mit Claudia Müller:
Nachhaltig Geld anlegen ist bald Standard

Mit der Gründerin des Female Finance Forums, Claudia Müller, habe ich ebenfalls über nachhaltig, ethisches Geld anlegen gesprochen.

Wie sie zur Expertin dafür wurde, und was die G-20 mit ihrem Faible für nachhaltige Geldanlagen zu tun haben, erzählt sie im Interview. Es entstand im April 2019.

Minuten-Codes
1:35 – Von der Bundesbankerin zur Gründerin
2:55 – Mächtiges Geld, Entwicklungsarbeit, G-20 – Claudias Weg
6:00 – Was ist nachhaltig? Atomstrom wie bei den Franzosen oder Solar? Oder … ?
10:30 – Dunkelgrüne ETFs? Gibt es nicht. Höchstens hellgrüne.
15:25 – Nachhaltige Geldanlage – kein Modethema, sondern bald Standard
20:00 – Eigenen Anlagebetrag aufteilen – frei nach Pipi Langstrumpf
21:00 – So investiert Claudia nachhaltig

 

Alle Geldfrau-Artikel zu: nachhaltig Geld anlegen:

Grundsätzliche Gedanken #1
Aktien – nachhaltige Unternehmen finden #2
Nachhaltige ETF – Augen auf und einlesen #3
Nachhaltig Geld anlegen – Modethema oder Zukunft? #4

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Das sagen Sie dazu

Joerg

Moin Dani, ich fand den Gedanken (off topic) im Interview mit Claudia am besten:
Finanzielle Bildung -> Sparen -> richtig Anlegen -> mehr pers. Freiheit (Geld soll ja angebl. „gedruckte Freiheit“ sein?) -> Loesung von Diskriminierung (auf pers. Ebene)!
Weil, wenn genug Geld -> mehr Unabhaengigkeit -> mehr Mut -> mehr Ungerechtigkeit anprangerbar -> oder „Moeglichkeit, mit den Fuessen abzustimmen“

Habe dazu einen interessanten Podcast zur pers. Ueberwindung „geringerer Aufstiegschancen“ von Schwarzen in Amerika gehoert, der in dieselbe Kerbe schlaegt: https://www.choosefi.com/123-rich-and-regular/
Im Prinzip ist Geldbildung/Sparen/richtig Investieren eine moegliche Antwort fuer viele, die aus welchen Gruenden auch immer diskriminiert werden? Zumindest, fuer den Mittelstand?
LG Joerg

    Geldfrau

    Hi Joerg,
    eigenes Vermögen aufzubauen und da Bescheid zu wissen – ich sehe das auch so, dass es eine der Antworten auf jede Form von Diskriminierung. Genau, weil es unabhängiger von Einzelpersonen und Institutionen macht. Also: Voran!

Dirk Söhnholz

Sehr geehrte Frau Parthum,
toll, was Sie alles an interessanten Informationen und Meinungen zum Thema nachhaltige Investments zusammengetragen haben!
Meine Kommentare dazu: Ich zähle zum Beispiel „Islamic“ ETFs auch zu den verantwortungsvollen ETFs. Vorteil: Weitgehender Verzicht auf den Finanzsektor. Nachteil: Nicht klimafreundlich. Auch Branchen-ETFs z.B. für erneuerbare Energien oder Themen-ETFs z.B. zum Thema Gender können als Portfoliobeimischungen interessant sein. Dabei ist es fast egal, wie man nachhaltig oder verantwortungsvoll definiert.
Es überzeugt mich nicht, in weniger verantwortungsvolle traditionelle ETFs/Fonds anzulegen, nur weil es noch keine allgemeingültige Definition gibt. Auch Herrn Kommers Argumentation zum Thema Rendite kann ich nicht nachvollziehen. Es gibt viele Studien die zeigen, dass verantwortungsvolle Investments keine Rendite- oder Risikonachteile haben (siehe z.B. https://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=2699610). Auch das Thema mangelnder Diversifikation wird oft übertrieben. Oft reichen schon wenige Aktien, um ausreichend diversifiziert zu sein (siehe z.B. hier https://bit.ly/2ZqV2QT).
Nicht verantwortungsvoll zu investieren, weil man zu wenig Geld hat oder zu wenig bewirken kann, ist auch kein überzeugendes Argument um sein Geld nicht-nachhaltig anzulegen. Das ist wie zu sagen: „Ich brauche nicht nachhaltig zu konsumieren, weil Millionen anderer Menschen das auch nicht tun“. Und dass man nur anderen Aktien abkauft stimmt zwar, aber wenn weniger Nachfrage nach „schlechten“ Aktien besteht, sinkt der Preis/Kurs. Die Unternehmen sollten dann „von selbst“ nachhaltiger werden.
Auch das Argument, dass man mit sogenannten Sündenunternehmen oder Tabak früher viel Geld verdienen konnte heißt nicht, dass das künftig auch noch der Fall sein wird. Insgesamt stimme ich daher der Argumentation von Frau Müller viel eher zu. Allerdings teile ich ihre ETF-Selektionskriterien nicht. Wenn alle darauf warten, dass gute neue ETFs erst mal viel Geld eingesammelt haben und einen langen sogenannten Track-Record aufbauen, bevor man sie ins Portfolio nimmt, sind Innovationen sehr schwer. Und gerade streng verantwortungsvolle ETFs fehlen uns ja noch.
In Bezug auf ein Buch zu dem Thema: Ich habe meine Blogbeitäge zu passiven und verantwortungsvollen Kapitalanlagen in einem kostenlosen PDF/Buch zusammengestellt: https://bit.ly/2IXznKb

    Geldfrau

    Lieber Herr Söhnholz,
    vielen Dank für diesen Input und Ihre Meinung. Ergänzend zu den Selektrionskriterien – ich teile Ihre Meinung, lege selbst in SEG-ETFs an, die nicht mal 50 Mio € eingesammelt haben. Ich sehe das ein bisschen als Starthilfe.

Klaus

Frau Müller begründet ebenso wie Herr Kommer, dass Konsumentscheidungen von vielen Menschen relevanter sind, um den Markt in eine nachhaltige Richtung zu beeinflussen, als die Finanzentscheidung von Einzelnen. Dieser Vergleich hinkt meiner Meinung nach, denn es wird eine Konsumentscheidung von allen mit Finanzentscheidungen von wenigen Personen verglichen. Wenn sich ebenso viele Menschen für nachhaltige Investments entscheiden, sollte das Unternehmen genauso treffen, oder nicht?

    Geldfrau

    Lieber Klaus,
    die Macht der Konsumenten kann zurzeit noch mehr bewirken. Der Punkt geht langfristig vermutlich aber an Sie.
    Wir beobachten es im politischen Entscheidungsprozess, dass immer offensiver verlangt wird, nachhaltig zu wirtschaften. Und große Vermögensverwalter schwenken auch auf die Wünsche Ihrer Anleger:nnen ein. Deshalb – die Mischung aus beiden wird das Umdenken beschleunigen. Wir werden sehen 🙂


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