Fondsgebundene Rentenversicherung: Versuchen Sie mit etwas Einfachem - Rechnen!

Faire private Rentenversicherung? Einfacher Trick entlarvt Verkaufs-PR.

3. Jan 2018

Als ich am 2. Januar den Wirtschaftsteil der Süddeutschen Zeitung aufschlug, war ich begeistert. Die SZ hatte mit einer 40-jährigen Vietnamesin gesprochen, die sich in Deutschland vom flüchtenden Waisenkind zu einer beachteten Gründerin hochgearbeitet hat – Nga Le. Großartig, denke ich. Was für eine spannende Frau. Und es wurde noch spannender.

Sie hat kürzlich eine “neuartige Versicherung namens Pangaea Life” gegründet. Mit dieser Versicherung will sie “fair zu den Kunden und nachhaltig sein”, sagt sie. Vor allem wolle sie “damit einen Wandel in der Versicherungsbranche befördern”.

Starke Worte. Finde ich gut. Muss ich sofort nachschlagen. Eine neuartige Versicherung!

Kernbotschaft: Wir von Pangaea Life sind die Guten!

Schon der Begriff Pangaea Life hat es in sich. Er steht für die Universal-Landmasse der Erde, bevor sich diese in die Kontinente teilte. Mehr Bedeutung geht kaum.

Und auch die Website strotzt vor positiver Bedeutung: renditestarke Vorsorge, Verantwortung für die Umwelt, ethische Kriterien, lebenslanges Zusatzeinkommen, auch kleinere Beträge profitieren von der Anlageklasse … naja, und so weiter. Nichts Neues hier, denke ich. Ein bisschen viel PR-Blabla ohne Substanz, wenn ich auf der Fairness-Karte spiele.

Und bin dann doch wieder überrascht.

Kernprodukt: Fondsgebundene Rentenversicherung

Das wichtigste Produkt der “neuartigen” Versicherung bei Pangaea Life ist eine Investment-Rente – als “Lebenslange Rente mit der nachhaltigen fondsgebundenen Rentenversicherung”. Die nachhaltige Investment-Rente ist also eine fondsgebundene Rentenversicherung.

Hm, ehrlich jetzt? Eine fondsgebundene Rentenversicherung? Die gehört zu den teuersten Versicherungen. Und zu den riskantesten, weil das Risiko des Totalverlusts der Geldanlage im Fond und auch eine Insolvenz der Versicherungsgesellschaft bei den Kunden und Kundinnen liegt. Das hat Christoph von Finanzküche hier sehr kurz und richtig beschrieben.

Wie nachhaltig der Fonds ist, weil er in erneuerbare Energie, Wälder oder Aufforstungen investiert, lasse ich hier mal dahingestellt. Und lese weiter auf der Website.

Die “faire” Rente der fondsgebundenen Rentenversicherung wird mit einer Beispiel-Rechnung unterlegt. So soll bei einem

  • monatlichen Sparbetrag von 150 Euro, einer angestrebten
  • Rendite von 4 bis 5 Prozent und einer
  • Ansparzeit von 35 Jahren

ein Auszahlungsbetrag von 89.071 € herauskommen. Oder! Eine monatliche Rente von 254 €.

Hier der Screenshot vom 3. Januar 2018.

Einmalkapital von 89.071 €? Oder 254 € monatlich? Beides ab dem Alter von 70 Jahren. Richtig viel haben Frau oder Mann dann nicht mehr von der Rente, wenn man bedenkt, dass die Lebenserwartung für Frauen bei etwa 86 Jahren liegt, für Männer bei etwa 83 Jahren. Was würde eine Frau bei dieser monatlichen Rente erhalten?
254 € x 12 Monate x 16 Jahre = 48.800 €. Eingezahlt hat sie 63.000 €.

Das Versicherungs-Zahlen-Werk klingt niedrig. Zu niedrig. Ich rechne nach.

Kernrechnung: Die “faire” ist teuer wie alle anderen

Ich gehe auf zinsen-berechnen.de – auf den Sparrechner – und gebe für die fondsgebundene Rentenversicherung die Eckdaten in die Formular-Maske ein: 150 € mtl. Sparrate, 35 Jahre Ansparzeit, Zinssatz 4 Prozent. Das Ergebnis ist erstaunlich:

Fondsgebundene Rentenversicherung - Beispielrechnung nach 35 Jahren

Ja, Sie haben richtig gelesen!

Ergebnis: 135.004 € 
Ergebnis abzüglich Abgeltungssteuer: 119.144 €

Unterschiedsrechnung:
135.004 € selbst gerechnet

– 89.071 € Beispielrechnung der Versicherung
= 45.933 € Unterschied

Der Unterschied zwischen dem errechneten möglichen Rentenkapital beträgt stolze 45.933 €! Selbst, wenn die Abgeltungssteuer abgezogen wird, bleibt ein Unterschied von 30.073 €. (Gebühren für Kauf und Verkauf lasse ich der Einfachheit halber weg. Sie ändern das Ergebnis in seiner Aussage nicht.)

Warum hat die fondsgebundene Rentenversicherung – und sei das Geld noch so nachhaltig investiert – so wenig Rentenkapital am Ende? Die Antwort darauf ist einfach: Weil eine fondsgebundene Rentenversicherung hohe Abschluss- und Vertriebskosten hat, dazu hohe Verwaltungs- und Fondskosten.

Und da macht die “neuartige” private Rentenversicherung keine Ausnahme. Nachhaltigkeit ist wichtig und richtig. Zum “Wandel in der Versicherungsbranche” gehört für mich aber mehr als nur einen Fonds unter Umweltaspekten aufzulegen und den üblichen Versicherungsmantel darum zu kleiden.

Natürlich ist das nur eine Überschlagsrechnung. Aber allein sie liefert ein wichtiges Ergebnis.

Rat: Rechnen Sie selbst nach!

Mit so einer einfachen Rechnerei können Sie selbst herausfinden, ob es sich lohnt, sich mit einer privaten Rentenversicherung näher zu beschäftigen. Oder was davon zu halten ist – und wer  gewinnt. Diejenigen, die nach einer guten Altersvorsorge suchen, sicherlich nicht.

Selbst wenn der Fonds sich um die Umwelt kümmert. Ernsthaft nachvollziehen können Sie das von außen bei einem Versicherungsmantel nicht. Die Versicherung erklärt auch nicht, wie ihre Beispielrechnung zustande kommt. Nachvollziehbar ist sie nicht.

Die eigene Rechnung zeigt Ihnen noch etwas: Wenn Sie selbst 150 € monatlich 35 Jahre lang anlegen, in ETFs z.B., oder in Aktien, wenn Sie sich das zutrauen, oder in Aktienfonds, dann tragen Sie zwar auch das Risiko. Sie erhalten aber auch den Gewinn, abzüglich Gebühren und Abgeltungssteuer. Und zwar transparent und jederzeit für Sie selbst einsehbar!

Gerade bei einem Anlagehorizont von 35 Jahren ist das Verlustrisiko begrenzt. Die Zeit gleicht Tiefschläge aus. Lassen Sie sich von hübschen PR-Botschaften nicht ins Bockshorn jagen. Rechner zücken und Zahlen für sich sprechen lassen bringt mehr.

Die agile Vietnamesin hat zwar immer noch meine Sympathie. Ihr Produkt Pangaea Life aber fällt bei mir durch. Ich erkenne keinen Wandel, der dieses Wort verdient, und Fairness wie Transparenz sehen für mich anders aus.

Rundbrief? 🙂

Garantiert kein Spam.

Ich stimme zu, dass der E-Mail-Dienst GetResponse ( mehr ) meine Daten verwaltet.
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Das sagen Sie dazu

Andi
2+

Hallo Geldfrau,
manchmal gibt es aber auch Zufälle… ich habe fast die gleiche Rechnung am Wochenende gemacht, allerdings aus einem anderen Grund heraus:
Ich habe leider schon so eine fondsgebundene RV abgschlossen.
Mal meine Eckdaten:
Monatliche Einzahlung: 100€
Laufzeit: 41Jahre (Beginn 2012)
Was ich mittlerweile weiß:
Kostenbelastung:
Garantiegebühr monatlich: 5€
Verwaltungsgebühr monatlich: 4€
Fondskosten pro Jahr: ~1-2% (geschätzt)
Abschlusskosten: in den ersten 60 Monaten fließen nur 30% nach Kostenabzug in meinen Vertrag also:
(100€-4€-5€)*70%=Abschlusskostenanteil eines Monatsbeitrags innerhalb der ersten 60Monate

So 🙂 ….
…da zieht es einem erstmal die Füße unter dem Boden weg oder?
Leider bin ich erst heute dahinter gekommen, was ich da eigentlich abgeschlossen habe. Damals war mir das so bei weitem auch nicht bewusst – neutrale Informationen wie in diesem Blog hab ich damals nicht gefunden.
(By the way: Mir ist bewusst, dass ich selber den Mist unterschrieben habe…)

Also was tun mit dem Vertrag ab heute??
1. Fakt:
Die ersten 60Monate sind durch. Heißt, die Abschlussgebühr hab ich schon verloren (~4000€).
2. Fakt:
Ich verliere jedoch monatlich je 100€ Beitrag weitere 4€+5€+Fondskosten.
3. Fakt:
Die Garantie ist eigentlich für die Katz! Ich hab noch 35Jahre… es ist extreme unwahrscheinlich, dass bei einer Anlage in ETF die Rendite über 35 Jahre negative ausfällt.
Zumal mir bei meiner RV nur der Beitrag nach Kostenbelastung (also 100€-9€=91€) garantiert wird….
4. Fakt:
RV wird nur nach Halbeinkünfteverfahren besteuert – das ist safe.
ETF können in 35Jahren höher als heute besteuert warden – Risiko.
Aber was hilft mir das wenn ich in der RV ca. 30.000€ weniger Rendite einfahre ggü. den ETF?
Lieber hab ich mehr Zins uns versteuere diesen dann… Wo nix ist (hier in der RV) muss ich auch nichts über Halbeinkünfteverfahren versteuern…

Fazit:
Vertag kündigen -> 4000€ Verlust in Kauf nehmen (bitteres Lehrgeld).
Alternative Anlage:
100€ mehr in mein ETF Weltportfolio stecken.
Kostenbelastung dort:
Sparplanausführung: Kostenlos bei Onvista (da spare ich eh schon…)
Jährliche Fondsgebühr: ~0,2%

Siehst Du das genauso wie ich?
Somit kann ich wenigstens die Zukunft etwas besser gestalten.

Grüße
Andi

    Geldfrau
    1+

    Lieber Andi, mein Beileid!
    Aber auch ich habe so manches Lehrgeld bezahlt. Kopf hoch!
    Was du auch überlegen könntest wäre, die RV beitragsfrei zu stellen. Da müsstest du mal durchrechnen, was das Verwalten deines Guthabens kostet. Denn die Versicherung langt auch da hin. Bevor du kündigst, frage schriftlich nach dem aktuellen Rückkaufswert. Eine Laufzeitverkürzung auf 12 Jahre bringt dir nichts, da du die Auszahlung vor dem 60 Lebensjahr erhalten würdest. Doofe Situation. Aber: Du hast noch viel Zeit und ja, manchmal ist ein Ende mit Schrecken besser, als sich so auszuliefern wie bei solchen RV.
    Toi, toi, toi – Dani

Eva
1+

Hallo Geldfrau,

guter Beitrag. Ich bin immer wieder erstaunt was doch für Bauernfängerei kursiert.

Ich habe auch noch eine kleine Leiche (abgeschlossen von meinen Eltern) in Form einer fondgebundenen Lebensversicherung und nach dem ich dann irgendwann mal nachgerechnet habe und bei der Maklerin angerufen habe und sie mit Fragen gelöchert habe, warte ich bisher auf die Bestätigungsrechnung meiner Versicherung….. hmmmmm mal sehen, wie lange die noch brauchen, um ihr eigenes Produkt mir vorzurechnen.

Auf jedenfall guter informativer Beitrag.

Grüße Eva

    Geldfrau
    1+

    Hi Eva,
    das Erstaunen liegt ganz auf meiner Seite. Das Schlimme daran: Die Bauernfänger kommen immer noch zu oft durch mit ihrer Masche. Vermutlich wirst du nichts wirklich Substantielles von der Versicherung erfahren 🙂

Dietmar Wohlleben
1+

Super Beitrag! TEST berichtete in der Finanztest 12/2016 über “fondsgebundene Rentenversicherungen” (“häufig teuer und unrentabel”). Die Bayrische – Mutter der Pangaea Life – schnitt dabei mit 2,12% jährlicher Kosten für “FRV GSB” sehr schlecht ab. Zum Vergleich: Testsieger CosmosDirect Flexibler Vorsorgeplan FFV hatte nur 0,32% Kosten p.a.. Welch enorme Kosten da bei 20-30 Jahren Laufzeit auflaufen, kann sich jeder ausmalen!
Wer mit dem Gedanken spielt, eine fondsgebundene Rentenversicherung abzuschließen, sollte sich unbedingt den Artikel holen:
http://bit.ly/2Gyo9az


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